Home / Ratgeber  / Unterwegs im Reich der Tiger – Teil 2: An den Ufern des Bikin

Unterwegs im Reich der Tiger – Teil 2: An den Ufern des Bikin

Russlands Ferner Osten ist ein Paradies für Wanderer, Ornithologen und andere Liebhaber der Tier- und Pflanzenwelt. Hier, wo südliche und nördliche Flora und Fauna aneinanderstoßen, leben seltene Vögel wie Mandschurenkraniche, Schwarzstörche und Mandarinenten. Braun- und Kragenbären durchstreifen die Wälder, und der König der Taiga: der Amur-Tiger.

Der zweite Teil der Entdeckungsreise durch das Land der Tiger führt in die Gegend des Flusses Bikin, eines Nebenfluss des Ussuri, der in den Sichote-Alin Bergen entspringt. Ausgangspunkt der Tour ist Chabarowks, Hauptstadt der gleichnamigen Region und des Föderationskreises Fernost. Hier kann man noch einmal in die russische Kultur eintauchen, durch malerische Straßen spazieren, orthodoxe Kirchen besichtigen oder am Ufer des mächtigen Amur entlang flanieren, bevor man in die Wildnis aufbricht. Wer aus Wladiwostok anreist, kann die etwa 700 Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn zurücklegen, aber auch einen Flughafen gibt es in Chabarowsk. Von dort geht es mit dem Geländewagen weiter zum ersten Highlight der Reise: dem Rehabilitationszentrum „Utjos“ im Sichote-Alin-Reservat.

Zu Besuch bei Tiger Lutij

Das Rehabilitationszentrum „Utjos“ (auf Deutsch „Felsen“) liegt am Lauf des Flusses Chor und beherbergt heimische Tiere wie Bären, Füchse, Hirsche und Luchse, die in relativ großen Gehegen von Krankheiten und Verletzungen geheilt und anschließend wieder ausgewildert werden sollen. Seit 1999 ist es außerdem Heim des Tigers Lutij, dessen Mutter von Jägern erschossen wurde und der selber schwer verwundet nach Utjos kam. Mehrere Kieferoperationen retteten ihm das Leben, doch ausgewildert werden kann er nicht. Stattdessen vertreibt sich Lutij  die Zeit damit, durch sein kleines Revier zu streifen und seine menschlichen Besucher zu erschrecken. Verdeckt vom dichten Gebüsch in seinem Gehege schleicht der Tiger sich an und im nächsten Moment, fliegen einem Dreihundert Kilo Lebendgewicht entgegen, die nur ein hoher Maschendrahtzaun von einem trennt. Dann wieder versucht Lutij durch seine Größe zu imponieren, indem er aufrecht an einem Baum hochspringt und seine Krallen in die Rinde schlägt. Es ist ein beeindruckender Anblick, eines diese Tiere in nur wenigen Metern Entfernung in seinem natürlichen Lebensraum zu sehen, und nicht mit einem Besuch im Zoo zu vergleichen.

Bei den Udegen

Von Utjos aus geht die Reise weiter in das Udegen-Dorf Krasny Yar. Die indigene Volksgruppe zählt nur noch etwa 1500 Menschen, von denen vor allem die Jüngeren auf der Suche nach Arbeit in größere Städte abwandern. Andere hingegen führen noch einen traditionelleren Lebensstil als Jäger oder Fischer. Über die Kultur der Udegen kann man in dem kleinen Museum von Krasny Yar lernen, wo in Trachten gekleidete Einheimische anhand von Bildern, alten Kleidern, Waffen und Werkzeugen und nachgestellten Szenerien den traditionellen Alltag der Udegen beschreiben. Spannender ist es noch, wenn man einige Udegen persönlich kennenlernt und von ihnen alte Legenden oder Geschichten von Begegnungen mit Tigern – bei den Udegen ein heiliges Tier – hört.
Untergebracht wird man in Krasy Yar in Russland in einem komfortablen Gästehaus, wo man sich an einem Kamin wärmen und einem reichlich gedeckten Tisch mit russischen Köstlichkeiten – Borschtsch, Pelmeni, Blini und Piroggen – stärken. Außerdem kommt man dort auch in den Genuss einer weiteren russischen Spezialität, der Banja. In einer Holzhütte neben dem Gästehaus wird für Besucher die traditionelle russische Sauna aufgeheizt. Sie besteht aus drei Kammern: einer zum aus- und ankleiden, einer wärmeren, in der man sich aus Fässern heißes und kaltes Wasser zusammenmischen kann, um sich zu waschen, und der dritten, in der auf Holzbänken sitzend sein Dampfbad nimmt und sich zwischendurch mit Reisigbündeln abklopft, um die Durchblutung anzuregen. Zwischendurch kann man von der Banja aus einen kurzen Steg runter laufen und zur Abkühlung direkt in einen Nebenarm des Bikin springen.
Den Abend in Krasny Yar sollte man am besten im Kreis der Einheimischen verbringen. Fragen Sie sie nach ihren Legenden oder ihren Erfahrungen in den Weiten der Taiga. Und stoßen Sie als Zeichen der Freundschaft mit einem Glas Vodka an. Nastarovje!

Mehr über die Udegen und ihre Legenden gibt es hier.